Immer wieder werde ich angefragt und stelle mir auch selbst die Frage, ob “Demenz” etwas mit Traumaerfahrungen zu tun hat. Nun hat sich in diesen Weihnachtsferien ein Mailaustausch mit einer Hospiz-Begleiterin ergeben, den ich mit ihrer Zustimmung hier veröffentliche:

 

Lieber Franz,

Ich hoffe, Du hattest friedliche Feiertage, und wünsche Dir ein gutes Neues erfolgreiches Jahr.

Ich hab doch mal erzählt, dass ich Sterbebegleitung mache. Heute war ich bei einer Frau, Jahrgang 1924, in Schlesien oder dem Sudetenland geboren, vertrieben und jetzt dement. Diese Frau hat im Bett liegend so eindeutige Bewegungen gemacht (Becken hoch und tief, Beine zusammengeklemmt und überkreuzt, Hände flehend gefaltet…) und dazu schrecklich wimmernde und jammernde Laute von sich gegeben, dass ich gar nicht anders konnte, als an Vergewaltigung zu denken.

Auch die Pfleger und meine Kollegin vom Palliativdienst stimmten mir da zu. Die Frau schien wie in einer Art Endlosschleife immer wieder in diesen unruhigen und schmerzvollen Zustand zu geraten, auch wenn es uns (der Tochter und mir) immer wieder gelang, sie zu beruhigen.

Die Frage ist nun: Hat diese Frau in ihrer Demenz überhaupt eine Chance, durch diese schmerzvollen Wiederholungen etwas zu verarbeiten von dieser Grausamkeit oder dreht sie sich immer nur im Kreis, d.h. ist es angemessen und auch angesagt, ihr gegen diese Schmerzen Morphium zu geben. Tavor zur Beruhigung bekommt sie schon – ohne großen Erfolg.

Ich hab mich angeboten, bei Dir anzufragen, was Du dazu meinst. Dieses Problem wird uns hier sicher noch öfter beschäftigen, aber so klar wie bei dieser Frau ist es mir noch nie begegnet.

Ich hoffe, ich störe Dich damit nicht zu sehr in Deiner Feiertagsruhe und freue mich – trotzdem – von Dir zu hören.

Herzliche Grüße C.

Liebe C.,

habt Ihr schon mit der Frau geredet, z.B. “Wir sehen, Sie haben Schlimmes erlebt, Sie wurden vergewaltigt, das hat sehr wehgetan, Sie schämen sich etc.?” Versucht das mal, wie wenn ihr aus ihrer Perspektive redet. Vielleicht gibt es da einen Anteil in dieser Frau, der Euch zuhört und sich endlich gesehen und verstanden fühlt.

Vielen Dank für Deine Neujahrswünsche, auch Dir alles Gute

Franz

Lieber Franz,

Danke!! Das hilft mir sehr. Ich glaube, wir waren alle selbst im Schock und in der Abwehr und Hilflosigkeit gefangen. Ich gehe nachher wieder zu ihr. Aber ich kann spüren, dass jetzt die Ebene stimmiger ist, dass mein Herz jetzt offen ist. Du hast mich wieder mit der Realität verbunden. So fühlt es sich jedenfalls an. Großen Dank.

Liebe Grüße C.

Lieber Franz,

magst Du wissen wie es weiterging? Als ich ins Altenheim kam, hatte die Frau schon Morphium bekommen und schlief. Ich setzte mich an ihr Bett. Plötzlich schreckte sie wieder hoch und fing wieder mit ihren eindeutigen Bewegungen an, nur schwächer. Ich sah das als Chance zu ihr zu sprechen (ich hatte Deine Sätze aufgeschrieben!) Bei dem Wort “Vergewaltigung” ging es wie ein Ruck durch sie, sie riss die Augen auf und schaute mich an. Ich versicherte ihr, dass sie keine Schuld hätte, sich nicht zu schämen brauche, dass sie keine Chance gehabt hätte usw. Sie fing an, meine Hand zu halten. Das wiederholte sich nochmal in schwächerer Weise. Die Pflegerin sagte, sie hätte das Morphium subcutan bekommen und das dauere etwas, bis es durch den ganzen Körper sei.

Das Allerstaunlichste war aber mit ihrer Tochter passiert. Sie war am Tag zuvor sehr niedergedrückt und hatte eine unheimlich schwere Energie. Als sie an diesem Tag kam, war sie wie verwandelt und befreit, von einer inneren Heiterkeit und einem Strahlen erfüllt. Die Wiederbegegnung mit der Mutter war so bewegend und intim, dass ich mich ganz schnell verdrückt habe.

Gestern Vormittag ist die Frau dann eingeschlafen. Sie sah ganz friedlich aus, aber auch etwas erschöpft. Sie hat ihre Familie noch von einem Trauma erlösen können. Wow!! Das Leben ist erstaunlich!

Ganz herzliche Grüße, nochmals danke

C.

https://franz-ruppert.de/


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